zu spät

Als Kind war das Christkind für mich immer so eine sphärische Gestalt in weißem Nachthemd und langen blonden Haaren, das zufällig immer dann durch die offene Terrassentür geflogen kam, wenn ich auf der Waschmaschine saß und meine Mutter mir die Haare kämmte. So blieb mir dann nur der Blick auf den aufgeregt fuchtelnden Vater, die Geschenke unterm Tannenbaum und eine im kalten Dezemberwind wehende Gardine. Mit der Weihnachtsgeschichte war ich nicht vertraut.

Ich habe bereits im Beitrag My Sharona erwähnt, was mein Vater von Religion und Kirche hielt. Glaube war die meiste Zeit meines Lebens irgendwo zwischen Kindergott und Relativitätstheorie angesiedelt. Der zusammenhängende Inhalt der Bibel blieb mir fremd.

Mit zunehmenden Alter empfand ich dies jedoch als gravierende Bildungslücke. Es ärgerte mich und ich musste immer wieder feststellen, dass von mir (menschlich, politisch, wirtschaftlich, intellektuell) geschätzte Menschen oft eine tiefe Kenntnis der biblischen Geschichte hatten und ich mir in manchen Momente so unglaublich dumm vorkam. Irgendwann störte es mich so sehr, dass ich antrat es zu ändern. So etwas macht man nicht „einfach so“ und es brauchte einige Jahre Anlauf und ein paar abgebrochene Versuche.

Was mit mir seither geschieht, fällt mir schwer in Worte zu fassen. In manchen Momenten halte ich inne und stelle verblüfft fest, wieviele Redewendungen und Worte in unserem täglichen Sprachgebrauch aus der Bibel stammen. Manchmal wird mir ganz plötzlich klar, warum eine Redewendung in Englisch, Italienisch oder Französisch 1:1 passt oder ich erkenne, dass Elemente der großen Literatur oder auch der (populären) Musik ihren Ursprung eher in der (Luther-)bibel als im sprachlichen Genie und der Phantasie des jeweiligen Künstlers haben. Hier eröffnet sich für mich eine Welt, von der ich ehrlich bedauere, dass sie mir bisher verborgen blieb.

Und bei meiner täglichen Bibellektüre wurde mir noch etwas anderes schmerzlich bewusst: Ich höre aus ihr die Sprache meines Vaters. Vieles dringt beim Lesen mit seiner Stimme in mein Bewusstsein. Und es hinterlässt mich ratlos. Ich werde das Geheimnis, warum er so bibelfest war und doch so wenig davon geteilt hat, nicht mehr ergründen. Ich erkenne traurig, dass ich meine Zeit mit ihn nicht genutzt habe und den Menschen, der er war, nicht richtig gekannt habe.

„Es bleibt ein Nachklang voll unerreichter Möglichkeiten“
(Das Ende, Dieter Wenzlawski)

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