kleine Kreise – Volksverarsche

Am Ende ist es oft wenig, was von einem ereignisreichen, selbstständigen und erfüllten Leben bleibt. Wenn man Glück hat, sind es bis zum Schluss die eigenen vier Wände. Die gewohnte Umgebung, voll mit Erinnerungen und ein mehr oder weniger bescheidenes Auskommen, über das man eigenverantwortlich verfügt.

Wenn es die Gesundheit nicht so gut meint, dann sind es oft nur zwanzig Quadratmeter mit Pflegebett, Notrufknopf und eigenem Bad. Aus der Menge all der Dinge, für die man sich ein Leben lang abgerackert hat, konnte man vielleicht die geliebte Stehlampe, ein paar Bilder oder den ehemals bequemen Lesesessel mitnehmen. Das mehr oder weniger bescheidene Auskommen wird monatlich vollständig ans Pflegeheim überwiesen, den Rest steuert die Pflegekasse oder das Amt bei.

Die Bewohner des Pflegeheims teilen sich grob in zwei Gruppen auf: Die, die geistig topfit sind und den eigenen körperlichen Verfall ganz bewusst erleben und die, die bei relativ guter Konstitution jeden Tag ein Stückchen mehr vergessen und verlernen. Egal welcher Gruppe man angehört, an die neue Lebenssituation gewöhnt man sich wohl nie…

7A5EF354-DE17-4AAB-AA50-F44C127753C1_1_201_a

Ihre Wege sind kurz geworden. In ungezählten Wiederholungen dreht sie täglich ihre Runden auf den Fluren ihrer Etage und bei guter Wetterlage im Garten. Vom Zaun aus kann sie auf die Friedhofsmauer sehen, die keine 40 Meter entfernt ist. Direkt hinter der Mauer liegt ihr Mann. Über fünfzig Jahre sind sie gemeinsam ihren holprigen Weg gegangen.

Normalerweise geht sie täglich auf den Friedhof, schaut nach dem Rechten und spricht ein paar Worte mit ihrem Mann. Seit Anfang März ist das vorbei. Sie darf nicht mehr raus, sie darf nicht mehr vor die Tür. Es sei zu gefährlich, hat man ihr gesagt. Schließlich gehöre sie zur Risikogruppe und die Politik habe angewiesen, dass man sie vor zu viel Nähe beschützen müsse. Wir alle müssten nun Opfer bringen und Abstand halten.

Entmündigt, eingesperrt und bevormundet fühlt sie sich. Sie sagt, sie fühle sich wie im Gefängnis und dabei hätte sie doch gar kein Verbrechen begangen. Ich höre schweigend zu und weiß keinen Rat.

 

Und dann sehe ich diese Bilder und fühle mich einfach nur

V E R A R S C H T !

Bildschirmfoto 2020-04-18 um 18.08.55
RP Online 17.04.2020

Bildschirmfoto 2020-04-18 um 17.18.31
Welt Online 18.04.2020