Versager

Vor ein paar Tagen sprach ich mit einer befreundeten Hausfrau und Mutter über die allabendlich in unserer Straße stattfindende Klatsch-  und Singorgie für systemrelevante Berufsgruppen um 21 Uhr. Typisch für Köln singt man „En unserem Veedel“ und schunkelt selbstzufrieden gemeinsam aber im sicheren Corona Abstand voneinander.

„Wer klatscht und singt für uns?“ fragte sie kopfschüttelnd. Nun, ich gehöre nicht zu denen, die stets irgendeine Art von Huldigung für Selbstverständlichkeiten erwarten. Und ich finde das Klatschen für Leute, die einfach nur ihre Arbeit machen, auch wenn die Bedingungen suboptimal sind, befremdlich.

Gerade eben habe ich auf WDR 5 einige Minuten lang der Predigt eines Gottesdienstes gelauscht und beim anschließenden Gebet hat man fast jede Berufsgruppe einzeln aufgezählt, der man nun dankt und der man Kraft für die aktuell schwierige Situation wünscht. Ganz am Ende einer endlos erscheinenden Aufzählung dankte man auch den Menschen, die sich um die Kinder zuhause und pflegebedürftige Angehörige kümmern.

Dabei müssen sich aktuell etwas über 8 Millionen Familien in Deutschland um die Betreuung und schulische Ausbildung ihrer minderjährigen Kinder selber kümmern. Hinzu kommt, dass nur ein Viertel der Pflegebedürftigen überhaupt in einem Pflegeheim vollstationär betreut wird. Die übrigen rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen werden zuhause betreut, davon knapp 1,8 Millionen allein ohne externe Unterstützung (Quelle Destatis). Wer klatscht für die?

In der Predigt, bei dem man nur anhand der Stimme erkannte, dass weder die Kanzlerin noch der Bundespräsident sprachen, inhaltlich aber keine Unterschiede zu den Fernsehansprachen der letztgenannten zu erkennen waren, ging es immer wieder um das „neue Normal“ und das Verlassen der persönlichen Komfortzone.

Ich finde es schäbig was gerade läuft und ich finde, dass viel stärker diskutiert werden müsste, welche eklatanten politisch gewollten Fehlentwicklungen zu der aktuellen Not in  in der Gesellschaft und den Familien geführt haben. Dieser Staat hat die Berufstätigkeit und das Outsourcing sämtlicher Hege- und Pflegearbeit als die allein selig machende Lebensweisheit propagiert.

In der aktuellen Situation zeigt aber das Outsourcing von Hege und Pflege seine harten und brutalen Grenzen. Dazu beherbergt die Betreuung, Beschulung und Pflege von Jungen und Alten in fast schon industriellen Ausmaßen ein der Massentierhaltung ganz ähnliches Risiko der Vernachlässigung und Krankheitsverbreitung.

In meinen Beiträgen Falsche Scham und der weibliche Irrsinn habe ich schon davon geschrieben, dass in der Webpräsenz (und wohl auch in der Gedankenwelt) unseres Bundesfamilienministeriums die „Hausfrau“ nur noch als Negativbeispiel eines entbehrlichen, unzeitgemäßen Randthemas existiert.

Was wären die Versager in Hosenanzügen und Nadelstreifen ohne die Hausfrauen und Hausmänner, die einer Gesellschaft gerade in solchen Zeiten ein solides Fundament geben?

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