Fürchte dich nicht

Das Virus hat uns verändert. Es hat alles zerstört dessen wir uns so sicher schienen und uns in vielerlei Hinsicht die Freiheit genommen.

Themen, die gestern noch aktuell waren, sind heute alt und unbedeutend. Menschen, die gestern noch wichtig waren, haben ihre Medienpräsenz an andere abgegeben, die man vorher nicht kannte und an die man sich nachher wohl auch nicht mehr erinnern möchte.

Gestern noch drohte man Eltern, die ihre Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in eine normale Schule schicken wollten damit, ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Heute ergibt der Suchbegriff „Homeschooling“ über 40 Mio. deutschsprachige Treffer in weniger als einer Sekunde bei Google. Kinder wurden politisch kurzerhand als „Virenschleudern“ definiert, assistiert von telegenen Irgendwaslogen, und schon ist Hausunterricht zum anerkannten Gemeinsinn mutiert. So schnell kann es gehen.

Nach einer Übergangsphase der eher behelfsmäßigen Bereitstellung von Lernaufträgen, hat sich seit Ende der Osterferien eine Professionalisierung breit gemacht, zu der man sich nur verwundert die Augen reiben kann. Grundschullehrerinnen, für die bisher alles Digitale „Teufelszeug“ war, laden plötzlich Videobotschaften auf Lernplattformen hoch und überbieten sich, ganz deutsche Gründlichkeit, bei der Digitalisierung der Lehrer-Schüler-Kommunikation.

Hinter der Gardine beobachten Nachbarn den Spielplatz um sogleich ein der Schaukelabsicht verdächtigtes Kind dem Ordnungsamt zu melden. Freunde und Bekannte sondern sich ab und mit jedem Versuch der persönlichen Kontaktaufnahme setzt man sich dem Verdacht der Rücksichtslosigkeit aus. Das Mißtrauen flackert in den Augenwinkeln, es bereitet den Boden für Denunziation bei dem einen und Konspiration bei dem anderen.

All das geschieht nicht in böser Absicht. Es ist die Sorge um die unsichtbare Gefahr, die die Menschen zu fragwürdigen Verhalten verleitet. Und damit wir uns dieser Sorge so leidenschaftlich hingeben können, glauben wir gerne, dass es immer nur darum geht die anderen zu schützen. Eine Argumentation, die jegliches Hinterfragen verbietet.

Ich ahne, dass wir uns irgendwann an diese Zeit zurückerinnern werden und davon schwärmen, wie friedlich und reich damals noch alles war. Es wird nicht so bleiben.

Ich gehe durch meinen veränderten Alltag, in dem mir vieles nicht mehr gefällt und in dem mich vieles ängstigt, atme die frische Morgenluft ein und spüre den Trost der Worte tief in mir drin: „Fürchte dich nicht!“

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