Hausgemacht

Vor einigen Jahren gab es einen Werbespot, in dem die dralle Maid dem Degenkämpfer erklärte, dass bei ihr noch alles hausgemacht sei. Gestern war ich bei einem kleinen Hauskonzert, es spielten drei Klavierschüler zum Abschluss des Schuljahres. Beim anschließenden Kaffee kamen die anwesenden Erwachsenen ins Gespräch und stellten fest, wie schwer es ist, Kinder zum regelmäßigen Üben zu animieren und wie quälend langsam sich Fortschritte im Spiel einstellen.

Zu meiner Zeit waren 60 Minuten tägliches Üben das normale, allseits akzeptierte Minimum. Die Kinder meiner Klasse, die „ordentlich“ Klavier spielen konnten, übten mindestens zwei Stunden täglich, dafür durften sie dann auch wöchentlich am großen, schwarzen Flügel im schulischen Musikunterricht vorspielen.

Heute kämpft man unter Androhung von Zwangsmaßnahmen wie iPad-Entzug oder Fortniteverbot um zehn Minuten tägliches Üben und ist froh, wenn man die Kinder an vier Tagen pro Woche ohne Brüllerei und Türenschlagen motivieren konnte.

Die Liste dieser elterlichen Klagen scheint endlos: sie zieht sich über Rechtschreibung, leserliche Handschrift, Vokabellernen bis zum schriftlichen Rechnen mit größeren Zahlen in den Grundrechenarten. Alles, was mit Mühe und Qual verbunden ist, wird abgelehnt. Es wird erwartet, dass einem das Einmaleins in den Schoß fällt. Tut es das nicht, lässt man es unter lautem Gejammer bleiben.

Die Kinder können nichts dafür, wir haben sie dazu gemacht. Wir ziehen sie in einer Welt auf, die voll faszinierender technischer Perfektion ist. Hier ist nichts mehr hausgemacht. In unserer Welt sorgen Schimmelpilze auf den Holzspänen dafür, dass der Joghurt nach Erdbeeren oder Kokos schmeckt. Das herrlich cremige Eis ist eine Mogelpackung aus aufgeschäumter Lebensmittelchemie. Und die attraktive Influencerin mit der Pfirsichhaut ist nur ein Produkt der beherzten Anwendung von Photoshop. Perfekte Musik ist das Ergebnis übereinander gelegter Tonspuren, für deren Einspielen nie ein „echtes“ Instrument und und auch kein „richtiger“ Musiker je ein Tonstudio von innen sehen musste.

In dieser perfekten Welt ist alles Hausgemachte alt, muffig und fehlerhaft. Egal ob der selbstgemachte Joghurt, das selbstgerührte Eis, das ungeschminkte Gesicht der Schulschönheit oder das nach mühevollem Üben am Klavier gespielte Stück.

All das verblasst und verkümmert hinter der perfekten Fassade der Künstlichkeit, die wir uns geschaffen haben.

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