einhundertdreiundfünfzig

Bei der letzten Musikaufführung der örtlichen Schule, brabbelte ein fröhlicher Pulk gerade nicht musizierender Schüler mit steigender Lautstärke gegen die Darbietungen der gerade musizierenden Schüler an. Im Dunkel vor der Bühne saßen mehr oder weniger gerührt Eltern, Großeltern und Geschwister, die der Aufführung auch dann aufmerksam und höflich folgten, wenn es etwas schief und gerade nicht im Takt war.

Als ich meinem Kind die Eindrücke dieser Veranstaltung schilderte, war es überrascht und lachte verlegen über meine übertriebene Darstellung. Es war ihm gar nicht aufgefallen.

Lange bevor ich selber Kinder hatte und noch voller Illusionen über meine eigenen erzieherischen Fähigkeiten war, gab ich Eltern gerne wohlmeinende Ratschläge. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Antwort eines Vaters, die Kinder würden sich die Manieren (es ging damals um Tischsitten) schon abschauen und irgendwann „wie durch Zauberhand“ wohlgeratene Zier ihrer Eltern werden.

Seit ich selber Kinder habe schwanke ich zwischen der Mühsal der guten Erziehung und dem durch Glauben an die Zauberhand beseelten und überaus bequemen Laissez-faire hin und her.

Als der Sohn die Tage zu einem Schulausflug aufbrach, konnte ich nicht anders. Ich erklärte ihm, bereits im Hausflur stehend, wie man auch die schrecklichste kulturelle Aufführung respektvoll und ruhig übersteht. Ich riet ihm, keinesfalls mit dem Sitznachbarn zu blödeln und aufkommende Langeweile durch Zählen der Lampen, Fliesen, Stuhlreihen oder Ähnlichem zu überwinden. Bei reinen Konzerten könne man auch den Kopf leicht in den Nacken legen und die Augen schließen, was ein konzentriertes Lauschen vortäuscht, man müsse aber aufpassen, beim Anschauen des Films im Kopfkino nicht einzuschlafen und zu schnarchen… Er lachte mich nur an und verschwand mit einem Kopfschütteln.

Nachmittags begrüßte er mich fröhlich mit den Worten „Einhundertdreiundfünfzig Lampen!“

Mission erfüllt!

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Ich habe diesen Beitrag irgendwann im letzten Jahr geschrieben. Ich fand ihn nicht besonders gut und so ist er in der Sammlung der nicht veröffentlichen Murksbeiträge gelandet. Heute, nach einem halben Jahr Corona ist die Selbstverständlichkeit, mit der man Konzerte besuchte, Schulausflüge machte und am gesellschaftlichen Leben teilnahm, verflogen. Und während die meisten gleichgültig mit den Schultern zucken und jede neue Zumutung der coronabegründeten Einschränkungen klaglos hinnehmen, sind am 29.08. in Berlin viele, viele Menschen friedlich auf die Straße gegangen, um ein selbstbestimmtes Stück der alten Leichtigkeit einzufordern, die wir fast schon vergessen haben.