Haltung

Vor ein paar Tagen sah ich im Fernsehen eine Sendung über besondere Ereignisse der 1970er Jahre. Ganz normale Menschen kamen zu Wort und alte Nachrichtenbeiträge wurden gezeigt. Ich war beeindruckt von der Sachlichkeit und Sprache aller Beteiligten. Nachrichtensprecher berichteten in neutralem Ton und mit freundlich unverbindlichem Gesichtsausdruck, dabei war es unerheblich ob sie das Wetter, einen schweren Verkehrsunfall oder ein internationales Krisenereignis ansagten. Menschen drückten sich gewählt und höflich aus, egal ob sie nun Generaldirektoren, Bauersfrau oder einfacher Arbeiter waren. Der Kleidungsstil war dezent und gepflegt und über allem lag eine unaufgeregte Normalität.

Wenn man heutige Nachrichtensendungen sieht, dann kommt den Sprechern keine Information über die Lippen, ohne dass nicht mindestens eine Augenbraue vielsagend hochgezogen wird oder der gekräuselte Mundwinkel Bände spricht. Information wird nicht mehr sachlich formuliert, sondern mit wertenden Ergänzungen angereichert, damit der Zuhörer direkt merkt, in welche Richtung er zu denken hat. Die eigentliche Nachricht tritt in den Hintergrund, allein die Haltung zählt.

 

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Die Nachricht von ihrem Tod ereilte mich unverhofft, aber erwartet. Neunzig Jahre sind ein stolzes Alter. Sie war eine traditionelle und gottesfürchtige Frau, deren Leben aus Familie, Nachbargemeinschaft, Heimatverbundenheit und aktiver Kirchenarbeit bestand. Fortwährender Anlass für Freude waren die Familienurlaube in Österreich, mit der Gastwirtsfamilie verband sie eine jahrzehntelange Freundschaft. Die letzten Jahre hatte sie in einem Pflegeheim verbracht. Die eigenen Kinder erkannte sie schon länger nicht mehr. Zufrieden lächelnd ruhte sie in sich.

Auf der Traueranzeige war neben ihrem Foto (älteren Datums) ein maritimer Hintergrund, ein lockerer Spruch von Heinz Erhardt, ihr Spitzname und ein flapsig formulierter Hinweis darauf, dass sie nun wieder bei ihrem Mann sei. Diese Karte spiegelte nichts von dem wieder, wer sie einmal war oder was ihr im Leben wichtig war. Diese Karte war nicht die achtsame Mitteilung über ihren Abschied von der Welt, sondern die Papier gewordene Haltung ihrer Hinterbliebenen.

Ihr Glaube und ihre Werte, die auf der Bibel beruhten, gaben ihr ein Leben lang Halt. Dieser Glaube war die Richtschnur für all ihr Handeln. In unserer heutigen Gesellschaft beeinflussen wechselnde Trends die opportune tagesaktuelle Haltung, den Halt haben die meisten von uns schon lange verloren.