Welt im Coronawahn- ein ostzonales Gefühl

Am Montag rief sie aufgeregt an. Mit einem halben Ohr lauschte ich dem Geruschel. Ich erwartete die üblichen Geschichten über das Heim und meine Aufmerksamkeit wuchs erst schrittweise mit jedem Halbsatz. „Auf der zweiten Etage…hier ist was los…alle vermummt…auch der Arzt war da…Corona…jetzt müssen wir mal abwarten!“

Ich hielt den Ball flach, beruhigte sie und bereitete sie gleichzeitig vorsichtig darauf vor, dass das Ergebnis des Tests ein paar Tage auf sich warten lassen könnte. Dienstag rief sie an und klang bereits leicht verwirrt. „Wie alt werde ich eigentlich?“ fragte sie zwischen den Klagen über den trockenen Kuchen und den verschlossenen Türen. Ich sagte ihr, dass sie am Donnerstag ihren 82. Geburtstag feiern würde. Wir überlegten gemeinsam, dass es wohl bis dahin nicht zu einer Entspannung der Situation kommen würde. Sie berichtete, dass sie nur auf dem Flur ihrer Wohnebene auf und ab laufen dürfe, selbst der Garten sei verschlossen. Mittwoch berichtete sie fröhlich, dass die Leiterin ihr die Tür zum Garten aufgeschlossen hätte. Allein durfte sie ein paar Runden an der frischen Luft gehen. Hofgang wie im Gefängnis.

Heute habe ich telefonisch gratuliert. Blumen durfte ich nicht bringen, nichts von Draußen darf hinein.

Als ich später mit dem Hund durch den Regen spaziere, höre ich auf ERF Plus aus dem Buch „Für mich bist du ein Wunder“ von Andi Weiss und eine 1976 in der DDR geborene Frau erzählt, wie ihre Mutter keine Ausreisegenehmigung bekam, um der Oma im Westen persönlich zu gratulieren.

So fühlt sich das Leben aktuell an. Ohnmächtig, dem Wohlwollen fremder Menschen ausgeliefert. Eine Welt, in der plötzlich jeder nur seinen Dienst tut und ohne zu hinterfragen von oben befohlene Maßnahmen umsetzt.