Was man den Kindern mit auf den Weg geben sollte…

Nachdem ich das Buch der Bücher nun gut 2 Mal durchgelesen und durchgehört habe, arbeite ich Schwerpunktthemen mit fremder Unterstützung ab. So lade ich mir zum Beispiel von der Freikirche in Riedlingen einzelne Predigten herunter und höre sie mir zu bestimmten Zeiten bei den Hundegängen an. Gelegentlich gehe ich bei der Auswahl gezielt vor, oft lasse ich mich aber auch treiben und werde vom Thema der Predigt überrascht. 

Nun habe ich die letzten Tage mit einer Predigtreihe zum 7. Gebot verbracht, die mit der Predigt „Der Weg zur großen Liebe“ begann. Wer nun erwartet, dass der Pastor einer bibeltreuen Gemeinde moralinsauer und mit spitzen Lippen über jugendliche Verliebtheit, freizügige Mode und körperliche Liebe referiert, hat sich getäuscht. Man kann über all das offen und sehr weltlich reden und doch in seinen Schlussfolgerungen keinen Millimeter von Gottes Wort abweichen. Wohltuend unzeitgemäß und überhaupt nicht woke…

Ich dachte darüber nach, dass ich einige seiner Schlussfolgerungen, insbesondere die zur freizügigen Kleidung und übertriebenen Schminke, so auch von meiner Mutter gehört habe. Andere Ansichten, etwa zur Intimität zwischen jungen Frauen und Männern vor der Ehe, hatte mir in jungen Jahren meine Freundin „gesteckt“, die aus einem jüdischen Elternhaus stammte. Dabei ging es ihr nicht um körperliche Intimität, die ohnehin außerhalb jeder Vorstellung lag,  sondern um die seelische, innere Vertrautheit, die man einem Jungen nicht leichtfertig gewähren sollte.

Ich weiß noch, wie sehr mich damals diese Ansicht irritierte. Meine Eltern haben versucht, mich „offen“ zu erziehen und die vermeintlichen Fehler ihrer Elterngeneration zu vermeiden. Das ist ihnen nicht immer leicht gefallen und schon gar nicht immer gelungen. Aber sie haben sich bemüht und ich glaube, dass sie einfach auch dem politischen und gesellschaftlichen Zwang nachgegeben haben, der durch die Helga-Filme immens verstärkt wurde. 

Die Eltern meiner Freundin sind in den siebziger Jahren aus Leningrad über Israel nach Deutschland gekommen. So sind sie wohl von der Zwangsaufklärung zur westlichen sexuellen Revolution verschont geblieben und haben ihrer Tochter selbstverständlich mitgegeben, was sich über die Zeit bewährt hatte und der Tradition entsprach.

Aber es ging in der Predigt nicht nur darum. Es ging auch und vor allem darum, den richtigen Partner zu finden. Frühzeitig zu erkennen, dass etwas nicht passt und sich so nicht kopflos aber verliebt in das Scheitern einer Ehe zu stürzen. Ein Schicksal, das aktuell etwa gut ein Drittel der in Deutschland geschlossenen Ehen erleidet. 

Während ich Pastor Tscharntke zuhörte, hatte ich das Bild einer in Reihe sitzender Konfirmanden vor mir. Etwa so, wie wir damals in der Dorfkirche gesessen haben. Und ich habe die Jugendlichen seiner Gemeinde um die klaren und offenen Worte beneidet, um all die Lebensweisheiten, die ihnen ihr Pastor mit auf den Weg gibt. Für mich persönlich kamen diese Worte zu spät. Ich habe all die Fehler gemacht und ich bin auch nicht sicher, ob ich nach einer solchen Predigt meines Pfarrers vor vierzig Jahren irgendeinen meiner Fehler vermieden hätte. Schließlich wäre ich dann nicht der Mensch, der ich heute bin. Und das wäre irgendwie auch schade…