Cancel Culture, der geistlose Weg

Mich widert aktuell so vieles an, dass ich morgens, ganz entgegen meiner Gewohnheit, die Schlagzeilen der Zeitungen nur kurz überfliege und mich dann bereits zum Frühstück der Lektüre geistvoller und erfreulicher Themen widme. Und so ergab sich aus dem Buch „Die Seele des Westens“ von Vishal Mangalwadi die für mich neue Erkenntnis, dass die Buchführung zwar bereits auf römische Zeit zurück geht, aber entgegen meiner bisherigen Annahme die doppelte Buchführung nicht durch die seefahrenden Kaufleute sondern bereits viele Jahre vorher im Wirtschaften der großen Klöster Italiens perfektioniert wurde.

Also habe ich mir den Abdruck eines Buches zur Geschichte der Buchhaltung von Carl Peter Kheil aus dem Jahre 1906 besorgt und bin schon nach wenigen Seiten über folgende Anmerkung des Autors zu einer Publikation aus dem Jahre 1607 gestolpert: „…Stevin entwickelte darin Anschauungen, die mit Rücksicht auf seine Zeit unsere Bewunderung verdienen…“

Wir leben in einer Zeit, in der sich Menschen anmaßen, Handlungen und Äußerungen von längst verstorbenen Menschen an heutigen Kenntnissen und Moden zu messen und für entbehrlich zu erklären. Helden vergangener Zeiten werden so von ihren Sockeln gestoßen, ihre Bilder werden aus der Öffentlichkeit verbannt und ihre Schriften werden verächtlich gemacht.

Ehemals übliche Worte und zeitgemäße Überzeugungen werden nach heutiger Deutung für rassistisch oder diskriminierend erklärt und die diese Worte äußernden als alte, weiße Männer für alles Elend dieser Welt verantwortlich gemacht.

Unsere Kultur hat sich in eine Richtung entwickelt, in der wir die andere Meinung nicht mehr ertragen und aus unserer Umwelt verbannen wollen. Fast so wie ein kleines, tyrannisches Kind, das mit den Füßen trampelnd die Augen fest verschließt und meint, alle Probleme seien so gelöst.

Und was könnte besser in die Zeit dieses hysterischen Geschreis und die Rufschädigungen passen, als die nachfolgenden Worte aus einer Predigt zum achten Gebot „Du sollst gegen deinen Nächsten nicht als falscher Zeuge aussagen“?

Der geistliche Weg heißt: Liebe und Einmütigkeit bewahren, im offenen Aushalten verschiedener Meinungen und Erkenntnisse. Auch im Ertragen von Kritik und Zurechtweisung, wo sie sachlich berechtigt und in brüderlicher Liebe vorgetragen wird.