Lie To Me

Vor einigen Jahren hatte ich mit einem Fachbereich zu tun, bei dem ich keinen Fuß auf den Boden bekam. Jede Prüfung zog sich ewig hin, viele Interviews wurden geführt, unzählige Dokumente wurden eingesehen und doch blieb am Ende der Eindruck, dass sie mich angelogen und betrogen haben.

Ich mochte mich damit nicht abfinden, ich recherchierte besser, ich fragte genauer und am Ende las ich eine Reihe von Büchern über forensische Interviewführung, notorische Lügner, Mikroexpressionen und so weiter, aber das tote Pferd ließ sich einfach nicht besser reiten.

Am Wochenende habe ich das Video „Persönliches Update“ von Jens Spahn angeschaut und es ist mir seither nachgelaufen. Nein, ich meine damit nicht die fürchterliche dunkelblaue Strickjacke, die ihm wohl eine Aura von bürgerlicher Gemütlichkeit und Spießigkeit verleihen sollte. 

Es war die übertriebene Mimik, die besser zwischen Harold Lloyd und Charlie Chaplin in einen Stummfilm passte, als in eine persönliche Nachricht des Gesundheitsministers im Jahre 2020. 

Ich habe das Video seither noch mehrmals angeschaut, mit und ohne Ton. Die hochgezogenen Augenbrauen, die aufgerissenen Augen, die einseitig zuckenden Mundwinkel, alles umgab einen Hauch von belehrender, angewiderter Überheblichkeit, die auch vom Zuckerguss des bemühten Lächelns nicht überdeckt werden konnte.

Früher sagte mein Vater bei Krankheiten immer, jemand sähe aus wie „Braunbier mit Spucke“. Und auch später im Erwachsenenleben konnte kein Produkt der modernen Kosmetikindustrie die Krankheit zuverlässig aus den Gesichtern meiner Mitmenschen schminken. Aber dieser Mensch, der uns als Coronakranker mit leichten Symptomen verkauft werden sollte, sah nicht aus wie Braunbier mit Spucke. Der sah aus wie immer, nur ohne Sakko. 

Eine meiner Vermutungen war, dass er sich eine ausdrucksstärkere Mimik angewöhnt habe, damit er auch mit Maske überzeugend rüberkommt. Und tatsächlich, auf seinem Kanal habe ich mir ein paar ältere Videos angeschaut: vor Corona war seine Mimik noch nicht so übertrieben. Aber schon vor ein paar Jahren waren seine Augen und Augenbrauen immer dann besonders aktiv, wenn seine Aussagen nicht authentisch und glaubhaft waren.