die Ente ist (doch noch nicht) weg

Ich gebe es zu, ich habe mich gefreut als amerikanische Medien Biden als Sieger verkündet haben. Diese Freude hatte keinerlei politischen Gründe. Ich habe dazu keine politische Meinung, ich lebe hier und ich kann nur die Situation hier beurteilen. Ich verstehe dort weder das Wahlsystem noch weiß ich, wie das Leben dort ist. Mir steht in dieser Hinsicht einfach kein Urteil zu.

Ich habe mich ganz egoistisch darüber gefreut, künftig nicht mehr dem medialen Dauerfeuer beknackter Trumpfotos, schlecht übersetzter Twitterergüsse, aus dem Zusammenhang gerissener Fetzen staatstragender Reden und all dem anderen unwichtigen Quatsch über Trump und Melania, mit dem wir nun seit über vier Jahren gequält werden, ausgesetzt zu sein.

An manchen Tagen musste man auf den Startseiten der Flaggschiffe der deutschen Presse bis ganz nach unten scrollen, um überhaupt was anderes zu sehen und zu lesen als Trump. Immer war alles voll anmaßender Häme. Die ganze Berichterstattung stets ein Schmelztiegel schlechter Manieren.

Ich erinnere mich an den Anruf der Schule einer meiner Söhne. Das Kind sei respektlos und aufgebracht, ich möge es bitte umgehend abholen. An diesem Abend schauten mich zwei große Augen staunend und schuldbewusst an. Ich erklärte, dass Frau X allein aufgrund ihrer Position und unabhängig davon, ob ihr Hintern dick, ihre Stimme schrill oder ihre Vorschläge dämlich sind, wie eine Königin zu behandeln sei. Ihren Anweisungen wird gefolgt, ihre Fragen werden höflich beantwortet und hinter ihrem Rücken berichtet man nichts Schlechtes über sie. Mein Kind schaute mich immer noch bedröppelt an und ich gab ihm die Weisheit mit, die ich auch bei Aufenthalten in der Fremde mitgebe: Du bis Botschafter deiner Familie und deines Landes da draußen. Und jede öffentlich zur Schau getragene Respektlosigkeit fällt als Schmutz auf deine Eltern und dein Land zurück!

Im Bezug auf den amtierenden amerikanischen Präsidenten haben sich weder unsere staatlichen Repräsentanten noch unsere hoch bezahlten Koryphäen des Medienbetriebs respektvoll verhalten. Sie haben das Geschirr zerschlagen, bevor man sie an den gedeckten Tisch geladen hat und sie suhlten sich auch noch stolz im Morast ihrer schlechten Erziehung.

Mit dem verkündeten Ergebnis der Wahl in Amerika schienen diese Zeiten vorbei. Ich erwartete freundliche Berichterstattung über die siegende Partei und hoffte, dass das Abarbeiten am noch amtierenden Präsidenten langsam im Sande verläuft.

Aber leider, leider ist es nicht so. Immer noch mehr bescheuerte Bilder von Trump in den Gazetten, als von Biden. Und wo es nichts zu sagen gibt, da muss dann auch schon mal der Schnappschuss auf seine abgelaufene Schuhsole herhalten.

Manchmal bin ich so müde…