Traumreise

Der aktuelle Irrsinn treibt seltsame Blüten. In den Reiseregionen werden die Strände abgesperrt und Fahrzeuge mit ortsfremden Kennzeichen zum Wenden gezwungen. Ich reibe mir verwundert die Augen. Mit der ersten Hausaufgabe in Deutsch nach den Osterferien soll das Kind auf Reisen gehen. Also nicht richtig, nur im Gedanken soll es sich vorstellen, wie es wäre. Und es dann aufschreiben. Nach zwei Wochen einsamer Langeweile im Lockdown.

In der Tageszeitung werden internationale Rezepte angepriesen, die den Gaumen auf Reisen führen. Als Alternativprogramm zum Reiseerlebnis oder dem Restaurantbesuch: „Schlimmer als in der DDR!“ schimpft eine Freundin. Sie hat recht. Unsere Verwandtschaft durfte verreisen. An die Ostsee oder nach Ungarn. Sie durften auch feiern, saufen und Freunde treffen, auch wenn der Wein nicht immer der beste war.

Erst denke ich nur an den Mann im Mond, von Mascha Kaléko

Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
allnächtlich in die Abendbäume,
mit einem Lächeln im Gesicht.
 
Da gibt es gelbe, rote, grüne
und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
für Bub und Mädel, Mann und Frau.
 
Auch Träume, die auf Reisen führen
in Fernen, abenteuerlich.
– Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für DICH.

Aber dann denke ich an die Nudeln mit Bolognese Sauce, die meine Mutter gerne zubereitete. Unter Verwendung von Tomatenmark, Ketchup und großen Mengen Zucker zauberte sie eine rote Pampe zum angebratenen Hackfleisch und Nudeln, die ich als Kind immer gerne und mit großem Appetit verputzt habe. Mit dem Geschmack Italiens hatte all das wenig zu tun. Und doch hieß es immer: „Heut gibt es italienisches Essen!“ Voll Nostalgie hole ich „Das neue große Kochbuch“ hervor. Dieses Kochbuch wurde 1963 im Bertelsmann Lesering veröffentlicht. Ich kenne keinen Klassenkameraden, bei dem es nicht in der Küche stand. Meine Mutter gab ihr Exemplar nicht aus der Hand. Am 16.08.1992 erwarb ich mein eigenes Exemplar für 5 Mark auf einem Flohmarkt in Düsseldorf.  

Immerhin befassen sich 20 der knapp 600 Seiten mit „Nachbars Kochtopf“. In der Einleitung zum Kapitel heißt es, dass es ein spannendes Abenteuer sei, einen Blick in Nachbars Kochtopf zu riskieren. Von Bouillabaisse über Plumpudding bis Borschtsch ist alles vertreten, was der Gaumen an Exotik wünschen könnte. Für die „Pizza alla Napolitana“ soll Hefeteig in eine Springform gedrückt und mit Chester Schmelzkäsescheiben belegt werden. Darauf kommen Tomatenscheiben und ein Gitter aus Sardellenfilets.

Ich atme tief durch, noch spüre ich auf der Zunge die geschmackliche Vielfalt fremden Essens, die Gerüche und Geräusche anderer Länder. Wieviele Runden Lockdown sind nötig, dass auch diese Erinnerungen verblassen und die Scheibletten Pizza als original italienisch durchgeht?