Ministerielles Kleinholz

Über seinen Bildschirm hinweg blickt er mich ernst an. „Ich glaube“ sagt er langsam, „dass wir, wenn der ganze Scheiß hier vorbei ist, eine ganz neue Version von Prozessen zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit erleben werden, in ungeahntem Ausmaß.“

Ich antworte, dass ich nicht glaube, dass wir das noch erleben werden. Vielleicht die zweite Generation nach uns. Irgendwann in siebzig Jahren werden sie Neunzigjährige vor die Richter zerren, die heute als kleine Praktikanten in Ministerien wirre Zahlen und seltsame Strategien zweifelhafter Herkunft in bunte PowerPoint-Präsentationen verwandeln und sich so das erste wohlwollende Kopftätscheln durch Vorgesetzte verdienen, während ihr Datenschrott zum politisch genehmen Argumentationsverstärker für neue Verordnungen wird.

Unsere Blicke treffen sich, getrennt von zwei Metern Abstand. Diesseits und Jenseits des Schreibtischs quergelüftet, spielen auch wir unsere Rollen im bösen Spiel.

„Weltunglück geistert durch den Nachmittag.“ (G. Trakl, Trübsinn)

Nach langer Zeit war es der erste Besuch. Mit Freude gehe ich mit ausgestreckter Hand auf den Gastgeber zu. Eine Handbreit über dem Handgelenk greift er mich mit festem Griff und führt mich am ausgestreckten Arm mit maximalem Abstand im Bogen an sich vorbei durch die Tür. Dieser Prozess hat nichts Zufälliges. Es ist die wohlkalkulierte Einhaltung der verordneten AHA-Regeln eines Menschen, der sich zwar freut mich zu sehen, dem aber die Angst vor der Seuche nach einem Jahr Dauerberieselung mit Horrormeldungen auch den letzten Rest Herzlichkeit ausgetrieben hat.

Verdattert und verletzt bleibe ich im Flur stehen und beobachte argwöhnisch die Begrüßung der anderen Gäste, die nicht minder reserviert der neuen Schicklichkeit folgt. Die Höflichkeit gebietet zu bleiben, aber während des schleppenden Gesprächs reift in mir die Erkenntnis, dass es so bald keinen weiteren Besuch mehr geben wird.

„Schön dich zu sehen, wollte ich sagen.
Aber das Fremde zwischen uns lauert,
nach Bestätigung aus den Augenwinkeln…“
(D. Wenzlawski, aus der Erinnerung)

Die Kinder sollen sich testen. Schultäglich vor Beginn des Unterrichts. Es besteht Testpflicht. Wer sich nicht testet, wird des Schulgeländes verwiesen und verbleibt ohne Anspruch auf Unterricht. Eine rechtliche Zwickmühle im Land der Schulpflicht.

Unter Aufsicht der Lehrperson sollen sich Kinder ab sechs Jahren einen Gegenstand in eine Körperöffnung einführen. Anleitung zur Körperverletzung. Lehrer sekundieren willig, wenn auch überfordert, als hätte es die Mißbrauchsvorwürfe im Schulumfeld nie gegeben. Nach jeweils fünf Umdrehungen in beide Richtungen in beiden Nasenlöchern wird der Tupfer eine Minute lang in der Pufferlösung bewegt. Ein Käppchen wird aufgesetzt und anschließend tropft das Kind genau drei Tropfen in die vorgesehene 1 mm große Öffnung der Testkassette. Für die Dauer der Nasentestung sitzen alle Kinder im Klassenraum und nehmen die Masken ab.

Die Wut und Verzweiflung über die angeordnete Maßnahme treibt mich und mein Umfeld fast in den Wahnsinn. Am Ende der Diskussionen entscheiden wir, dass wir mitmachen. Wir bleiben auch nachts an der roten Ampel stehen, auch wenn das manchmal keinen Sinn macht. Als wir die Testung mit eigens dafür beschafften Selbsttests üben, fallen laute Worte und es fließen Tränen. Steriles Arbeiten erfordert höchste Konzentration und ist schon für Erwachsene schwierig, mit Kindern schein es unmöglich. Man fragt sich, wer so eine lebensfremde Entscheidung trifft. 

Am ersten Testtag haben zwei von dreizehn Kindern starkes Nasenbluten. Ein Testset fällt auf dem Boden. Dabei springt das Teststäbchen mit potenziell infektiösem Rotz einige Meter durch den Klassenraum. Der Inhalt des Reagenzröhrchens, eine ätzende Lösung (im professionellen Umfeld soll man beim Hantieren mit der Pufferlösung eine Schutzbrille, Handschuhe und Schutzkleidung tragen, im Umfeld von Laien reicht Händewaschen), spritzt beim Aufprall herum. In der anderen Klasse müssen einige Kinder niesen, während sie die vorgeschriebenen Runden mit dem Teststäbchen in der Nase drehen. Potenziell hochinfektiöses Aerosol fliegt durch den Raum, während niemand Maske trägt.

Beim Mittagessen lasse ich mir die Erlebnisse des Schultags schildern und denke an die Praktikanten und ihre PowerPoint-Präsentationen. „Wir haben gute Erfahrungen mit den Selbsttests in den Schulen gemacht!“ verkündet die Ministerin in der Pressekonferenz zuversichtlich. Ein bunter Schal gibt den femininen Farbtupfer zum schwarzen Anzug. Es wird deutlich, dass sich kein Schulleiter die Blöße des Versagens geben wollte. Die artigen Fragen der Pressevertreter wurden vorab eingereicht. Niemand der Fragesteller und niemand im Ministerium scheint Kinder im schulpflichtigen Alter zu haben. Die geschlossene Gesellschaft im Elfenbeinturm leistet, wie immer, ganze Arbeit.