Mitlaufen

Mit schwerem osteuropäischen Zungenschlag winkt sich mich freundlich vorbei und lässt mich mit meinem Strauß Tulpen einen Platz in der Warteschlange vorrücken. Am Freitagnachmittag ist der kleine Lebensmittelladen voll. Die Menschen stehen dicht gedrängt zwischen Quengelware und Ständern mit Grußkarten und warten geduldig. Ein tätowierter Hüne mit zwei Flaschen Wein in der Hand schlängelt sich von der Kasse weg an den Wartenden vorbei, um einen kurzen Moment später mit zwei anderen Flaschen in der Hand wieder drängelnd seinen vorderen Platz an der Kasse zu erkämpfen.

Vor mir stehen drei jugendliche Schüler, zwei Mädels und ein Junge, und unterhalten sich über anstehende Klausuren und andere Jugendthemen. Im Flaschenumtauschgedrängel dreht sich eine davon um und bittet brüsk um die Einhaltung des Abstandsgebotes. Der Hüne blickt von oben herab und geht grinsend weiter, während sie lamentierend in meine Richtung blafft: „Das gilt auch für Sie, gehen Sie mal ein Stück zurück!“ Ich blicke mich um und führe so ihren Blick auf den Einkaufswagen, den die freundliche Dame hinter mir dicht an meinen Hintern gedrückt hält, während auch die anderen Kunden hinter ihr dicht gedrängt auf ihren Auftritt an der Kasse warten.

„Nein, geht nicht!“ antworte ich schulterzuckend. Mich erreicht eine Tirade, nun von drei jungen Menschen, die meine Ignoranz nicht fassen können. Fast schon hysterisch erläutert mir eine der Gruppe, dass SIE schließlich Verwandte hätte, an deren Wohlergehen ihr gelegen sei und von denen sie nicht möchte, dass sie an Corona verrecken (wörtlich!). Schliesslich nähme SIE Rücksicht auf andere. Ich lobe sie für ihre freundliche Umsichtigkeit und bemerke spitz, dass sie in ihrer Gruppe offensichtlich auch keinen Abstand einhalten würden. Sie zwinkern sich an und beteuern, dass sie alle aus einem Haushalt wären. Ich lächle und blicke weg. Aber sie sind noch nicht fertig mit mir. Sie lamentieren weiter darüber, dass SIE schließlich in die Schule gehen müssten und sich dort jeden Tag testen lassen müssten und dann die Seuche… Ich unterbreche sie an dieser Stelle und erläutere, dass es in unserer Stadt über 150.000 Schüler gäbe, die in dieser Woche mindestens zwei Mal mit einem fragwürdigen Test getestet wurden. Aus diesen etwa 300.000 Schnelltests an symptomlosen Menschen seien 500 positive Ergebnisse hervorgegangen, die nun noch mit einem anderen Test validiert werden müssten.

Der junge Mann, der seine schwarze, leicht angeranzte FFP2 Maske lose über seinen Bartstoppeln und Koteletten trägt kommt mir bedrohlich nahe und fragt leicht provokant, warum ich ihnen das nun sage. „Ich möchte, dass ihr ein Gefühl für die tatsächlichen Zahlen und das Risiko entwickelt!“, sage ich ernst aber freundlich. Die beiden Mädels sind verwirrt, 150, 300, 500, sie kriegen die Zahlen nicht mehr zusammen und schütteln über mich den Kopf. Der Junge Mann ist schneller, er kennt die Zahlen. „Es sind immerhin noch gut 1,5 Promille…“, zischt er mich an. So eine wie mich kennen sie, aus den Medien und der Schule. Während sie zahlen arbeiten sie sich an mir ab. Alles, was man ihnen über Verschwörungstheorien und Coronaleugner erzählt hat, gießen sie nun aus. Nicht direkt, nein, sie erzählen es sich gegenseitig, laut und lachend.

„Die Jugend kann nichts dafür, die haben es schwer heutzutage!“, dringt es mit der brüchigen, alten Stimme und dem schweren osteuropäischen Zungenschlag von hinten an mein Ohr.

Schweigend verlasse ich den Laden. Nein, sie können nichts dafür. Sie werden betrogen um die Sorglosigkeit und die Freude der Jugend. Sie werden betrogen um Bildung und Freiheit. Und irgendwann werden Sie auch noch die Rechnung für ihre Naivität und ihr kritikloses Mitlaufen bezahlen müssen. Aktuell beträgt die Staatsverschuldung pro Kopf knapp 28.000 Euro. Allein mit der gestern beschlossenen Neuverschuldung kommen noch einmal rund 3.000 Euro pro Kopf darauf. 

„Schulden sind keine Hasen, die hüppen nicht davon“, hat meine Oma immer gesagt.