Die kleine Heimschule

Vor gut zwanzig Jahren wohnte ich in einem kleinen Ort im Rhein-Sieg-Kreis. Neben der schönen Auenlandschaft gab es für die etwa 1.100 Einwohner eine große Metzgerei, eine winzige Filiale einer Genossenschaftsbank, ein kleines indisches Restaurant im Souterrain eines Einfamilienhauses und einen Kiosk. 

Der Kiosk führte neben den üblichen Sachen auch ein paar Dinge des täglichen Bedarfs, nahm Wäsche für eine Reinigung im Nachbarort an und bot eine respektable Auswahl von Brot und Kuchen. Der Ladeninhaber war freundlich und geschäftstüchtig. Er war immer bemüht, die Teilchen und die Kuchenstücke vorsichtig auf dem Papptablett zu positionieren und sorgfältig zu verpacken. Meistens endete trotzdem einer seiner Finger in der dicken Cremeschicht der Sahnetorte. Man nahm es hin, der nächste Bäcker war sechs Kilometer entfernt.

Eines Tages kam mein Nachbar vom Zigarettenholen und berichtete, dass der Kiosk nun wohl auch Spielzeug führen würde. Jedenfalls würde der freundliche Ladeninhaber gerade eine überdimensionierte Kinderpost aufbauen. Es dauerte ein paar Tage bis wir feststellten, dass die Zukunft ins Dorf zog und sich die vermeintliche Kinderpost als Schalter einer Postagentur entpuppte.

Der freundliche Ladenbesitzer bot nun auch zu unkonventionellen Zeiten all das, was in einer normalen Post abends um 18 Uhr endete. Mit ernstem Gesicht und im vollen Bewusstsein seiner hoheitlichen Aufgabe wischte er sich die Finger am T-Shirt sauber, das sich über seinen runden Bauch spannte, wechselte den Tresen und verkaufte Briefmarken, nahm Überweisungen an oder zahlte Geld aus.

Ich musste lächelnd daran denken, als ich heute Morgen die Brotkrümel und Kakaoflecken vom Küchentisch wischte, den Tagesplan, ein paar Schulbücher und Hefte bereitlegte, ein Poster mit Verkehrsregeln für die Radfahrprüfung an die Zimmertür klebte und und pünktlich um acht Uhr meine kleine Heimschule eröffnete.